Schlagwörter

, , , , , ,

Der heutige anonyme Gastartikel ist eine Auflistung, die sehr bildlich darstellt, was Depressionen zu bedeuten haben. Er beschreibt alle Facetten einer Depression, welchen Einfluss sie auf eine Familie hat, wie es ist, auf eine Therapie zu warten… Es ist ein Einblick in den akuten Zustand, die Autorin gewäht uns einen Blick durchs Schlüsseloch.

Danke, dass Du das für uns aufgeschrieben hast. Ich hoffe, dass Du bald mit der Therapie starten kannst.


Depressionen zu haben heißt für mich…
…dass die kleinsten Dinge, die ich bisher mit links gewuppt habe, jetzt manchmal eine riesige Kraftanstrengung sind.
…dass ein Teil meiner Mitmenschen mich nicht versteht.
…dass ein Teil meines sozialen Umfelds sich von mir zurück zieht.
…dass ich mich selber nicht verstehe.
…dass ich das Gefühl habe, ich habe mein „Mehrsein“ verloren. (Zitat Alice)
…dass ich an den meisten Tagen meine Gefühle wegschliesse und dann oft selber nicht mehr dran komme.
…dass ich deswegen oft keine Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ habe.
…dass ich Antidepressiva nehme.
…dass ich feststelle, die Medis helfen gegen meine Schlaflosigkeit, meine Horror-Alpträume, meine Heulattacken und sogar gegen meine Hitzewallungen.
…dass ich dann aber feststelle, dass es mir ansonsten eher schlechter geht: ich fühle mich betäubt, wie lebendig begraben, alles hat nichts mit mir zu tun.
…dass Sex, den ich immer genossen habe, plötzlich anstrengend ist.
…dass meine Magenprobleme immer schlimmer werden.
…dass ich schlussendlich Durchfall, starke Magenschmerzen und ein Gefühl, als sei ich Geisel der Antidepressiva bin, habe, und darum die Medis absetze.
…dass ich auf einen Termin bei der Psychotherapie monatelang warten muss, obwohl ich sofort anfangen möchte.
…dass mir „monatelang“ unerreichbar vorkommt.
…dass ich obwohl krank geschrieben, mich nicht „entspannen“ kann, weil ich die ganze Zeit denke, ich müsse doch eigentlich arbeiten.
…dass ich Kontakt mit Menschen nur noch gut dosiert ertrage und vor allem gut ausgesucht!
…dass mich kleinste „Alltagskatastrophen“ völlig unvorbereitet aus der Bahn werfen.
…dass ich spüre, wie die Lebensgeister langsam wiederkehren, nachdem ich die Antidepressiva abgesetzt habe und die Magenprobleme schlagartig aufhören.
…dass mit den Lebensgeistern auch die Alpträume und die Heulerei gemeint sind.
…dass ich endlich wieder Spaß am Sex habe, aber gleichzeitig dieser jedes Mal meinen sorgfältig aufgebauten Panzer aufbricht und ich dann danach in den Armen meines Liebsten fürchterlich weinen muss.
…dass ich nicht mal erklären kann, warum ich weinen muss.
…dass mein Liebster mich – wenn nötig- stundenlang halten kann und ich so in seinen Armen sichere und geborgene Begleitung beim Rotz-und Wasser heulen erfahren darf.
…dass die Beziehung zu meinem Liebsten noch tiefer wird und ich die Gewissheit bekomme, dass sie sehr tragfähig ist!
…dass meine Kinder cool finden, dass es zum Mittag Chips gibt und sie schon tagsüber mit mir eine Serie nach der anderen im TV schauen können.
…dass meine Kinder genießen, dass ich so viel Zuhause bin und zeitgleich genießen, dass ich sie so viel in Ruhe lasse.
…dass mein behandelnder Neurologe mich zwingen will, die Antidepressiva wieder zu nehmen.
…dass er sagt, wenn ich sie weiterhin nicht nehme und weiterhin nicht in eine Tagesklinik will, dann wird man mich zwingen, eine Reha zu beantragen und dann müsse ich stationär.
…dass er auch sagt, dass ich eine Therapie brauche und dass er aber glaubt, dass mein Antrag auf Kostenübernahme der Psychotherapie vom MDK nicht positiv beantwortet wird.
…dass die Zeit, bis ich mir eine Entscheidung vom MDK vorliegt, ewig lange dauert.
…dass ich Panik vor Kliniken habe und somit eine Klinik für mich keine Option ist.
…dass ich mich nur mit meinem Liebsten oder alleine (wohl-) fühle.
…dass ich doch endlich mit einer Psychotherapie beginnen möchte, weil ich spüre, dass ich da alleine nicht raus finde und ich endlich jemanden haben möchte, der mit mir mein Paket schnürt und wir es dann gut weg legen können.
…dass es Tage gibt, da vergesse ich tatsächlich selber, wie schlecht es mir geht, so gut verberge ich es vor meinen Kindern.
…dass es aber auch Tage gibt, an denen sieht meine Tochter mir mein Innerstes an und sorgt dann für mich, so gut sie kann.
…dass mich das zu Tränen rührt, weil ich einerseits Stolz auf sie bin und andererseits mich dafür verurteile, dass ich ihr das zumute.
…dass ich zwar weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, meinen Liebsten und meine Kinder zu haben, ich aber trotzdem nicht glücklich bin.
…dass ich die Liebe meines Liebsten wirklich bis in jede Faser meines Körpers und Geistes fühle und dennoch sehr traurig sein kann.
…dass beides gleichzeitig funktionieren kann.
…dass ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll, vor allem beruflich.
…dass ich immer dachte, mir könne das nie passieren.
…dass ich vorher Depressionen nie richtig verstanden habe.
…dass ich selber mal die Freundschaft einer guten Freundin verloren habe, weil ich auf ihre Depressionen sehr unsensibel reagiert habe und mich der Gedanke, wie sie sich damals gefühlt haben muss, heute fertig macht.
…dass ich schon weiß, dass ich zu lange mit einer PTBS versucht habe, „normal“ weiter zu machen.
…dass ich in dieser Zeit Großes geleistet habe und mich dennoch jämmerlich klein fühle.
…dass ich zu lange gekämpft habe und nun nicht mehr kämpfen kann
…dass ich angefangen habe, Yoga zu machen.
…dass ich mich irre aufraffen muss, um zum Yoga zu gehen aber in den meisten Fällen wenn ich es schaffe, es mir eine gute Zeit verschafft, in der ich an nichts denke.
…dass ich Angst habe, dass mich die Depression nie wieder los lässt.
…dass ich die Angst habe, dass es nie wieder wird, wie vorher.
…dass die Hoffnung habe, dass es nie wieder wird, wie vorher.
…dass ich gar nicht weiß, was ich will.
…dass ich unglaublich vergesslich bin, nicht die Sorte, wo man weiß, da war was, sondern die Sorte „gelöscht“.
…dass ich die vielen Ungewissheiten irgendwie aushalten muss.
…dass ich doch die Hoffnung habe, dass ich da gestärkt wieder rauskomme, auch wenn ich grad nicht weiß, wie.
…dass ich mir wünsche, wir hätten ein besseres System für alle Menschen, die mental stolpern.