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Den heutigen Text hat mir Melan Kolie geschickt. Sie steht noch relativ am Anfang ihres Therapieweges, ist aber guter Dinge für den weiteren Weg. Ja, es stimmt, Kinder sind eine unglaubliche Motivation und ein, wenn nicht DER beste Grund, sich helfen zu lassen und weiter zu machen.

Ich wünsche Dir einen guten Weg, für Dich und Deine Familie.



Depressionen
Ein Wort, gegen das ich mich immer noch wehre, das mir nicht über die Lippen kommt, wenn ich gefragt werde, was ich habe. Ich sage, dass es mir phasenweise nicht gut geht und dass es mir schwer fällt darüber zu reden, ohne dass ich anfange zu weinen. Das stimmt auch. Aber was ist daran schlecht? Es geht mir nicht gut, ich bin schon alleine mit der Diagnose überfordert, aber auch mit allen Symptomen, Vorurteilen, Auswirkungen und Gedanken, die durchgehend durch meinen Kopf schwirren ohne jemals zu stoppen. Selbstzweifel, ich bin nicht gut genug, obwohl ich nur 2 Kinder habe und einen Teilzeitjob kriege ich es nicht auf die Reihe. Diese Gedanken gab es aber auch schon vor den Kindern. Ich hatte und habe immer das Gefühl, mehr leisten zu müssen als die anderen, um überhaupt gesehen zu werden und an sie werde ich sowieso nicht ran kommen egal was ich tue. Und wenn ich mich mit ihnen unterhalte, dann stehle ich ihre Zeit und ich sollte mich besser so kurz wie möglich fassen, da sie ja was Besseres zu tun haben als sich mit mir zu unterhalten. Woher das kommt – ich weiß es nicht, aber meine Kindheit hat mit Sicherheit geprägt und beeinflusst. Alkoholkranker Vater, der meine Mama regelmäßig eingesperrt und verprügelt hat, von dem sie dann abgehauen ist und die mich später selbst mit Gewalt behandelt hat, als sie mit mir nicht mehr anders klar kam, weil ich meinen eigenen Weg gehen wollte und sie sich gegen mich als Jugendliche nicht mehr durchsetzen konnte. Ich war froh, als ich mit 18 raus war und habe mich in die Arbeit gestürzt: Ausbildung gemacht, überdurchschnittlich und ein halbes Jahr früher abgeschlossen, nebenbei gearbeitet, um Leute kennenzulernen (oder um nicht mit mir alleine zu sein). Alleine sein konnte ich noch nie, das fiel mir schon immer schwer. Als ich alleine wohnte, war ich nur zum Schlafen zu Hause und dafür musste ich schon so müde sein, dass ich überhaupt schlafen konnte. Als ich dann meinen Freund hatte, möglichst früh zusammen ziehen, dann hat sich das Problem mit dem Alleinsein erledigt. Neben Vollzeitjob war ich froh, jemanden zu haben, der seine Zeit mit mir teilt. Doch bei jeder Dienstreise oder anderen Unternehmungen brach Panik in mir aus, weil dann wieder das Gefühl, die Angst vor dem Alleinsein sich breit machte. Das führte und führt heute immernoch zu Streit. Durch die Kinder fühle ich mich gebraucht und alleine bin ich so gut wie nie. Entweder ich bin auf der Arbeit oder kümmere mich um Kinder, Haushalt, Wohnung.

Und dann war nichts mehr, wie es war
Ich wusste, dass es sowas wie Burnout gibt und dass ich mit Sicherheit gefährdet bin. Hobbys hatte ich schon lange nicht mehr und selbst wenn ich mal was ausprobierte, woran ich früher mal Spaß hatte, kamen sofort hundert Gründe, Zweifel, Widersprüche in meinem Kopf, warum ich das nicht machen sollte, denn was, wenn ausgerechnet dann die Kinder weinen und mich brauchen? Was, wenn mich die Leute da näher kennenlernen wollen oder es mir wirklich Spaß macht? Ich erlaubte es mir nicht, Spaß zu haben, denn ich kriege ja nicht mal alle meine Aufgaben hin. Das schlechte Gewissen, so kleine Kinder ohne mich zu lassen und auch die Zweifel, ob ich überhaupt gut genug bin für die Menschen, die ich da treffe, hielten mich davon ab. Auf Dauer konnte ich diesen Druck nicht mehr aushalten und ich merkte, dass ich die Reißleine ziehen muss. Zum Glück stand ich schon auf der Warteliste für einen Therapieplatz und zum Glück ergab sich ein freier Platz. Nach nur ein paar Terminen, nach denen er mir eine Einschätzung gab und auch Medikamente zur Sprache brachte, konnte ich einen ganzen Tag lang nicht mehr aufhören zu weinen. Mit dieser ungeschönten Wahrheit konfrontiert zu sein, dass ich nicht mehr leistungsfähig bin und nicht mehr funktioniere, das fällt mir schwer. Gleichzeitig habe ich Angst, dass ich nicht mehr dauerhaft in der Lage sein werde, für meine Familie und meine Kinder da zu sein. Meine Zweifel, Gedanken, Ängste, Befürchtungen stehen einfach nicht still, sondern sie schwirren durchgehend durch meinen Kopf. Ich bin nicht gut genug, wie kann mich überhaupt jemand mögen und warum schaffe ich das nicht, was viele andere Mütter auch schaffen?

Ich hoffe, dass ich durch die Therapie einen Weg finde – meinen Weg. Mein Therapeut sagte mir, dass mich die Depression immer begleiten wird und ich lernen werde, damit umzugehen, aber dass sie immer ein Teil von mir sein wird und ich immer aufpassen muss, dass die Gedanken und Selbstzweifel nicht wieder überhandnehmen – in erster Linie meinen Kindern zu Liebe. Sie brauchen mich und das macht mich stark.