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Der heutige weihnachtliche Gastartikel ist von Dorothea. Ich freue mich sehr über diesen Text, denn er ist schön und poetisch und nimmt dem Thema die Schwere, für einen Moment. Außerdem teilen Dorothea und ich den gleichen Trigger. Wertlos rumliegen und mich dafür geißeln. Kann ich heute noch gut. Danke für Deinen Text. Bitte besucht auch unbedingt ihren Blog.

Den Leserinnen und Lesern des heutigen Gastartikels wünsche ich das bestmögliche, schönste und gemütlichste Weihnachtsfest.


Vor ein paar Wochen habe ich zwischen dem Renovierungs- und Umzugswahnsinn versprochen einen Text zu schreiben, über Depression, über das Leben damit, wohl auch über mich.

In solchen Zeiten des Zuviel suche ich mir gerne ein neues Zuviel für danach. Dass es auch nie ein Zuwenig wird, denn ein Zuwenig bedeutet Leerlauf. Nicht körperlicher, aber denkender Art und dann wartet nur die Dunkelheit auf mich. (Aus dem Grund habe ich bspw. auch zugestimmt im Januar einen Vortrag über Martin Luther zu halten, aber fragen Sie besser nicht!)

Als Kind war dies mein nächtlicher Alptraum, ich falle in ein Nichts, so dunkel, so absolut, dass es mir die Luft nimmt, so pulsierend, dass ich nur in Panik strampelnderweise versuchen kann daraus aufzutauchen. Dennoch bleibt es ein ewiger Fall, der nicht gestoppt werden kann.

Ich wurde nie „offiziell“ mit Depression diagnostiziert. Ich mag es auch nicht so benennen, zu sehr hängt dem (noch) Stigmatisierung und der Geruch von geistiger Unzurechnungsfähigkeit an. Und das bin ich nicht. Und doch bin ich es. Depression ist Schrödingers Krankheit. Sie ist es und sie ist es wiederum nicht. Ich bin krank und bin wiederum nicht krank.

Es gibt krasse Tage, da bin ich um 7 aufgestanden, geduscht und habe einen Kaffee in der Hand. Es gibt Tage, da bin ich zu gelähmt, das Bett auch nur zu verlassen. Es gibt Tage, da komme ich immerhin vom Bett aufs Sofa. Es sind die Tage, an denen ich kein produktives Mitglied der Gesellschaft bin, mich unnütz fühle und nichts „schaffe“, an denen ich in Tränen ausbreche, weil ich „nichts kann“. Es ist dies mein Trigger, das Erbe meiner Erziehung, „schaffeschaffeHäuslebaue!“ – „schaffwasdannwirstauwas!“, das der Dunkelheit Auftrieb gibt, sie ans Licht holt.

Denn für mich ist sie die Dunkelheit, die in mir, in meiner Seele, wohnt. In dieser Dunkelheit sind Abgründe verborgen, die gefüllt sind mit Leben, mit tiefen Empfindungen und Gefühlen, die auszuhalten wahrscheinlich nur wenige in der Lage sind. Ich wüte, ich schreie, ich zweifle, ich hadere, ich verzweifle. Ich bin Hiob, wenn die Dunkelheit mich überflutet. Ich kämpfe und diskutiere mit den Göttern persönlich, warum verdammt nochmal sie mich in dieses Leben geschickt haben. Was gibt es hier für mich, das so lebenswert sein muss, um mich diesen Leiden auszusetzen? Was wartet hier auf mich? (Goethes Faust ist mein spirit animal, wenn man so will.)

Ich weiß es nicht. Mittlerweile bin ich zumindest gewillt, es herauszufinden, hier zu bleiben und mal zu schauen, was auf mich zukommt, was ich mitnehmen und welche Chancen ich ergreifen kann. Dieser Wille wird auf die Probe gestellt, immer wieder aufs Neue. Denn die Dunkelheit wird nicht mehr weggehen, und eine meiner größten Ängste ist es, dass meine künftigen Kinder miterleben müssen, wie ihre Mutter in der Dunkelheit versinkt. (hier einmal kurz tief durchatmen! Für den Mann ist es schon schwer mitzuerleben oder gar zu verstehen.) Deswegen schreibe ich, deswegen nehme ich Therapiestunden, deswegen versuche ich so offen wie mir möglich, mit diesem Wahnsinn, der in mir wohnt, umzugehen.

Weil ich nicht versinken will. (und irgendwas pathetisches mit „Liebe“.)