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Mein heutiger Gastartikel ist von der lieben Amygdala. Sie kämpft gerade leider wieder akut gegen eine Depression. Ich wünsche Dir viel Kraft, Du tolle wilde Frau. <3

Was sie über die Akutphase schreibt, kommt mir sehr bekannt vor.


Manchmal wünschte ich, ich hätte Krebs

Kurz, nachdem ich in die Stadt zog, lernte ich ein paar Menschen kennen, die mich teilweise heute noch begleiten. Einer davon war eine junge Frau. Sie hatte einen wundervollen Mann, war erstaunlich talentiert und künstlerisch sehr kreativ. Und sie war depressiv und litt ganz offensichtlich sehr darunter. Die Depression umgab sie sichtbar wie einen Schutzwall. Sie konfrontierte niemanden mit ihrer Diagnose, sprach so gut wie nie darüber, aber allein die Art, wie sie sich bewegte, reichte, um zu sehen, dass sie schwer krank war. Sie konnte herrlich zynische Witze machen, verfügte über den wohl bösesten schwarzen Humor, der mir bisher begegnet war. Ich liebte es. Ich hasste es.

„Es scheint mir schon seit längerem gar nicht mehr gegangen zu sein“ sagt I-Aah zu Winni Puh auf die Frage, wie es ihm gehe. Ich muss immer an I-Aah denken, wenn ich an diese junge Frau denke. Die Art, wie die Depression sie quälte, war grausam anzusehen. Sie kämpfte, jeden Tag. Sie kämpfte darum, aufzustehen, rauszugehen, sich mit Menschen zu treffen. Wenn sie uns traf, waren das gute Tage – und dennoch saß sie oft wortlos da und wir kamen nicht an sie heran. Ich hasste es. Es machte mich wütend und hilflos und ohnmächtig, ich konnte ihr nicht helfen und ich hasste es abgrundtief. Der Zorn projizierte sich auf die Person, nicht auf die Depression dahinter. Sie zu begleiten, zu sehen, was die Krankheit aus ihr machte, war hart. Anfangs ertrug ich es noch, später wurde ich immer ungeduldiger mit ihr. Irgendwann dachte ich, sie solle halt ihre Tabletten nehmen und ihr Leben endlich auf die Reihe kriegen. Damals dachte ich, sie müsse sich eben anstrengen. Sie bekam doch Medikamente, sie war in Kliniken gewesen, hatte Ärzte um sich herum, warum also schien es ihr nie besser zu gehen? Ich wollte doch so sehr, dass es ihr besser ging.

Als ich um 2004 herum an schwerer Depression erkrankte, konnte ich sie auf einmal verstehen. Ein Jahr lang lag ich mehr oder minder im Bett. Ich versäumte das Studium, zog die Rollos runter, sperrte die Welt aus. Ich zwang mich wohl zum Einkaufen, daran erinnern – oder gar daran, dass ich gegessen hätte – kann ich mich nicht.Es kam schleichend – zunächst war es schwierig, unter viele Menschen zu gehen. Partys wurden unerträglich, Vorlesungen mit 150 Studenten ebenfalls. Ich schob es auf „Sozialphobie“, fand daran nichts schlimmes und kümmerte mich nicht darum. Dann wurden die  alltägliche Dinge schwer. Einkaufen, kochen, in die Uni fahren. Irgendwann lag ich nur noch im Bett. Ich konnte nicht aufstehen, so sehr ich es auch gewollt hätte. Es war, als wären meine Glieder aus Blei. Tägliche Körperhygiene fiel ebenso weg wie Zeitgefühl oder Tag-Nacht-Rythmus. Ich weiß nicht mehr, wie ich diese akute Phase überstanden habe – irgendjemand oder etwas hat offensichtlich gut auf mich aufgepasst. Scheinbar habe ich damals Tagebuch geführt, in meinem alten Blog existiert ein Text dazu. Einen Auszug daraus möchte ich euch gern geben:

Durchwachte Nacht, mal wieder. Wieder nicht geschlafen und wieder keine Ahnung, wieso. Warum? Woher soll ich das denn wissen? „Wie geht es dir?“ Ich weiß es doch nicht, fragt mich nicht danach! Warum ich weine, wenn ich fröhlich sien sollte? Ich weiß nicht, woher die Tränen kommen. Ich weiß doch nicht, warum ich so oder so ähnlich fühle, warum ich in einem Moment lache und mir im nächsten Moment nach Weinen zu Mute ist. Fragt mich nicht, ich weiß es doch nicht! Warum soll ich denn immer eine Antwort haben, mich immer wieder analysieren? Warum muss ich denn erklären können, was ich fühle, warum ich so einen Druck in mir spüre? Warum sich das, was ich fühle, in Zorn und Wut gegen mich selbst ausdrückt? Warum wollen denn alle eine Antwort von mir, wo ich  mir das Ganze doch selber nicht erklären kann? Fragt mich nicht, ich kann euch doch keine Antwort geben – oder meine Antwort würde euch nicht gefallen oder verständlich sein. Ich will auch nicht, kann mich nicht ständig analysieren, mich immer wieder selbst erklären, es ist zu anstrengend, warum verlangt ihr das von mir? Lasst mich einfach, lasst mich in Ruhe mit diesen Fragen, ich kann euch keine Antwort geben, also lasst es einfach sein!

[…]

Sich nicht konzentrieren können, die Gedanken drehen sich im Kreis, und es kommt doch kein Sinn dabei raus. Hilflos, kann es nicht stoppen. Zweifel. Übertreibe ich? Male ich nicht alles zu schwarz? Gedanken treiben in Fetzen, schwarzen Wolken gleich durch mein Gehirn. Schlagworte, Blödsinn – Wahn – du übertreibst – läßt dich von dem leiten, was du grade liest. Müde, müde und so motivationslos, keine Lust, keine Kraft zu irgendetwas. Schlafen wollen, ins Bett gehen und schlafen wollen, der ganzen Situation entfliehen, keine Fragen mehr beantworten müssen, keine Antworten finden müssen, keine Zweifel, keine Gedanken mehr, nur noch […] Ruhe. Aussteigen, abschalten, den nagenden Problemen entfliehen und schlafen, schlafen, schlafen..

Ich wundere mich, dass mir das überhaupt möglich war. Andererseits war schreiben schon immer ein dringend notwendiges Ventil für mich. Ich kann mich an den Tag erinnern, als mir endlich klar wurde, dass ich Hilfe brauche. Damals waren mein Mann und ich schon gut befreundet, sehr gut sogar – er war mein bester Freund. Damals musste es mir schon besser gegangen sein, denn wir wollten uns an seinem Geburtstag treffen. In der akuten Phase hätte ich einem Treffen wohl nicht zugestimmt. Also kam er vorbei und klingelte, ich machte die Tür auf und hatte eine Panikattacke, weil er in meine Wohnung wollte. Ich ließ ihn nicht rein. Statt dessen gingen wir stundenlang spazieren und ich merkte, das ist nicht normal. Erst, als ich meinen besten Freund nicht in meine Wohnung ließ, merkte ich es. Seltsam, dass es mir nicht in den Monaten zuvor schon aufgefallen war, nicht wahr? Als ich monatelang bewegungslos im Bett lag, hätte ich doch etwas merken müssen?

Ich merkte es auch, aber ich hatte in der Akutphase nicht die Kraft, mir Hilfe zu suchen. Das ist das perfide an Depression. Meist kommt sie schleichend. So gut wie keiner wird von heute auf morgen so depressiv, dass er nicht mehr am Leben teilnimmt oder gar sein eigenes Leben beendet. Erst kommen ein paar Symptome, wie undefinierbare Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen. Ich habe Kopfschmerzen, so lange wie ich mich erinnern kann. Die ersten schlaflosen Nächte steckt man noch recht gut weg, es war bestimmt nur der Vollmond oder das schwere Essen. Das Unbehagen, unter Menschen zu gehen, wird hinter einer Maske versteckt und auf „wie geht es dir“ antwortest du höflich „Ganz gut, und dir?“ Immer schnell eine Gegenfrage stellen und von dir selbst ablenken, denn es ist schwer, sich mit dir zu beschäftigen. Nicht, weil du es nicht willst, sondern weil du nicht mehr weißt, was du fühlst. Und dann, eines Tages, ist sie da. Die Depression. Dann sitzt auf deinem Sofa scheinbar plötzlich ein riesiger schwarzer Hund, wie es einige nennen, und nimmt jeglichen Platz auf deinem Sofa, in deiner Wohnung, deinem Leben ein. Für mich war es kein Hund. Für mich war es ein Dementor – ein graues, gesichtsloses kreischendes Monster, das unter der Decke lauerte, immer bereit, auf mich herabzustoßen und meine Gefühle auszusaugen. Es lebt von positiven Gefühlen, müsst ihr wissen. Es saugt die Menschen aus, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt als eine leere, wandelnde Hülle. Wenn sogar aufstehen ein unermesslicher Kraftakt ist, dann ist der Gang zum Arzt ein unmöglicher. Menschen ohne Depressionen können das nicht verstehen. Sie wachen auf, sind entweder gut gelaunt oder Morgenmuffel. In jedem Fall schwingen sie mehr oder weniger willig ihre Beine aus dem Bett und stehen auf. Einfach so. Ohne groß darüber nachzudenken. Ich wachte morgens auf und wurde von einer Gedankenspirale erschlagen, die sich automatisch in Kraft setzte, noch ehe ich meine Augen offen hatte. Mein Körper fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt, ich hatte keine Kontrolle darüber. Atmen fühlte sich an, als solle ich unter Wasser Luft holen. Alles war furchtbar schwer. Laufen fühlte sich an, als wäre die Luft mit Sirup gefüllt. In so einer Situation ist „Funktionieren“ unmöglich. Also hilft auch kein „reiß dich doch bitte zusammen“. Wenn sich aufstehen so anfühlt, wie von mir beschrieben, stellt euch vor, ihr müsstet so zum Arzt gehen. Das Haus verlassen, Menschen begegnen. Selbst zum Telefon zu greifen und einen Termin zu machen, ist für viele von uns dann nicht möglich. Wir müssten mit den Menschen sprechen, es laut aussprechen und damit auch uns selbst eingestehen: „Ich habe Depressionen. Mir geht es nicht gut und ich brauche Hilfe.“ In einer so leistungsorientierten Gesellschaft wie der unseren gibt keiner gerne zu, dass er Hilfe braucht. Erst später realisierte ich, dass dieses Hilfe suchen kein Zugeben von Schwäche, sondern ein Akt der Stärke ist. Ein Akt der Selbstfürsorge, ein sich um mich kümmern. Ich war lebensbedrohlich krank und ich suchte mir Hilfe. Ich suchte mir diese Hilfe spät, ja – aber ich suchte sie.

2009 war ich fest davon überzeugt, gesund zu sein. Es ging mir wieder gut, dank einer Verhaltenstherapie (von der ich jetzt weiß, dass sie mir nichts gebracht hat, aber das merkte ich damals nicht) und Medikamenten. Antidepressiva sind nichts schlimmes. Es sind Medikamente für eine Krankheit, ebenso, wie entsprechende Mittel bei Migräne helfen. Ich heiratete meinen besten Freund, wir zogen in eine gemeinsame Wohnung, ich wurde schwanger. Seine Ex-Frau versuchte, unser Leben zu zerstören, indem sie ihn fälschlicherweise der Vergewaltigung in besonders schlimmen Fall anzeigte. Mein Mann bekam 3 Nervenzusammenbrüche und landete im BurnOut. Eine Nebenerscheinung war Depression – nun war er es, der nicht aufstehen konnte, sich nicht konzentrieren konnte, regungslos im Bett lag. Es machte mich ebenso hilflos und wütend, wie damals bei meiner Freundin. Er wurde mit Hilfe von Medikamenten und Therapie wieder gesund. Unser Kind kam, er ging nach 2 Monaten Elternzeit wieder arbeiten und ich war mit einem HighNeed-Kind mehr oder minder isoliert daheim.

Heute glaube ich, damals kam die Depression wieder. Ich erkannte es nur nicht, keiner erkannte es, denn da war dieses hilflose kleine schreiende Bündel auf meinem Arm, das mich naturgemäß völlig aus der Bahn warf. Das erste Jahr war schlimm für mich. Fremdbestimmt, isoliert, dem Druck nicht gewachsen. Ich liebte mein Baby über alles. Es ließ mich aber auch über alle Maßen verzweifeln, wenn es schrie und weinte und ich nichts dagegen machen konnte. Als unser Kind 1,5 wurde, zogen wir um. Irgendwann in dieser Zeit brach ich den Kontakt zu meiner Familie endgültig ab. Heute weiß ich, dass das alles Indikatoren sind, die eine Depression auslösen können. Hochzeit, Umzug, Schwangerschaft/Geburt, Kontaktabbruch, Isolation – all das gehört zu den sogenannten „einschneidenden Lebensereignissen“, die eine Depression auslösen können. Auch eine gewisse Hormonsensibilität (ich leide unter starkem PMS) ist ein möglicher Risikofaktor. Und wer wie ich eine Vorgeschichte hat, bei dem ist das Risiko für eine erneute Erkrankung ebenfalls erhöht.

Heute wie vor 10 Jahren suchte ich mir diese Krankheit nicht aus. Ich leide aktuell sehr darunter. Der einzige Unterschied zu meinen Gefühlen damals ist, dass ich heute ein Kind habe, welches seine Mama braucht. Und ein weiteres in meinem Bauch. Ich kann mich also nicht ins Bett legen und blicklos die Wand anstarren, so sehr ich es mir auch wünschte. Manchmal tue ich es trotzdem – wenn mein Mann da ist und das Kind übernehmen kann.  Meist aber funktioniere ich am Rande des Wahnsinns. Ich konzentriere mich auf das Notwendigste. Ich stehe auf und mache dem Kind etwas zu essen. Ich bringe ihn in den Kindergarten und hole ihn wieder ab. Ich versuche, ihn fair zu behandeln, was mir oft nicht gelingt. Ich sehe die Folgen, die meine Krankheit auf ihn hat und versuche, mich zusammen zu reißen. Manchmal denke ich, es wäre besser, wenn sich jemand anders um ihn kümmern würde. Dann versuche ich, mit ihm darüber zu sprechen, dass ich krank bin, und was das mit mir macht. ICh nehme mich um meines Kindes Willen zusammen und kämpfe jeden Tag. Kein großer Zusammenbruch mehr, sondern viele kleine Einbrüche. Ich funktioniere. Depression hat viele Gesichter – nicht alle von uns liegen im Bett oder verlassen ihre Wohnung nicht. Nicht alle von uns erinnern an I-Ah, den kleinen depressiven Esel. Wir stehen auf und funktionieren. Wir gehen auf Spielplätze mit unseren Kindern, sitzen am Rand und starren ins Handy. Andere sitzen im Sand und bauen Burgen mit ihren Kindern. Das Lächeln, mit dem wir unsere Kinder bedenken, reicht oft nicht bis in die Augen. Depressionen hat viele Gesichter und ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Manchmal wünschte ich, ich hätte Krebs – dann hätte ich etwas „sichtbares“ und würde vielleicht ernster genommen.