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Der heutige Gastartikel ist sehr bewegend, er ist von einer außergewöhnlichen jungen Frau, die einen guten Weg für sich eingeschlagen hat. Auch wenn es zwischendurch immer wieder nicht so gute Phasen gibt und sie durch ihre Behinderung besonders gefordert ist, liest sich das so, als wäre Sarah dabei, sich freizustrampeln. Ich drücke Dir dafür ganz feste die Daumen.


„Eigenlich müsstest du doch keine Depressionen haben“

„Ich bin auch manchmal traurig“

Sind 2 Beispiele für klassische Sätze, die Depressive oft zu hören bekommen. Auch Ich. Erstmal zu mir: Ich bin 22 Jahre alt, Köchin, hab im Juli meine Ausbildung beendet und einen für einen Berufsanfänger vergleichsweise gut bezahlten Job 80km von mir entfernt gefunden, lebe noch bei meiner Mutter und fahre jeden Morgen mit dem Auto zum Bahnhof und von da mit dem Zug zur Arbeit.

Klingt erstmal normal und soweit in Ordnung.

Ich habe Asperger-Autismus. Das ist eine Verlaufsform des Autismus die sich bei mir hauptsächlich dadurch äußert, das Ich Schwierigkeiten mit dem Einfühlungsvermögen und sozialen Interaktionen habe. Ich bin im Umgang mit anderen Menschen schnell überfordert und brauche zwar ein gewisses Maß an sozialen Kontakten, aber nicht so viel wie Nicht-Autisten. Des weiteren kann Ich Hintergrundgeräusche nur schlecht rausfiltern, was bedeutet dass Ich Gesagtes oft akkustisch nicht verstehe und wenn Ich nicht direkt angesprochen werde, habe Ich oft Schwierigkeiten, zu verstehen,das Ich gemeint bin.

Depressionen sind wie die Dementoren in Harry Potter: Ein dunkler Schatten, der alles Glück aus dir raussaugt und dir das Gefühl gibt, du könntest nie wieder glücklich werden.

Angefangen hat es, als Ich ca. 12-14 Jahre alt war. Mittlerweile dauert es so lange, dass es für mich ein gewisses Maß an Normalität angenommen hat. Damals habe Ich mir oft Gedanken um Suizid gemacht und ob es sich wirklich lohnt für mich, weiterzuleben. Das war auch die Trennungszeit von meinen Eltern, die sowohl zwischen ihnen als auch zwischen meinem Vater und mir sehr konfliktbeladen war. Ich glaube, mein Vater kam nie wirklich damit zurecht, dass Ich behindert bin und die Dinge eben völlig anders sehe als er, eben kein normales Kind bin. In der Schule war Ich aufgrund meiner Behinderung und damit verbundener Verhaltensauffälligkeiten ein Mobbing-Opfer. Ich hab jahrelang versucht, dem Mobbing zu entgehen indem Ich versucht habe, mich anzupassen, so gut es eben ging, aber alles was davon zurückblieb, war das Gefühl, anders zu sein, weniger wert zu sein, und schlussendlich meine Depressionen.

2 Monate, bevor Ich 17 wurde, kam Ich in ein Berufsbildungswerk, einer speziellen Einrichtung für Menschen mit Behinderung, wo diese einen Schulabschluss nachholen und eine Ausbildung machen können.

Dort habe Ich irgendwann angefangen, mich zu ritzen. Erstmal war es nur zum ausprobieren, ob es mir hilft, und tatsächlich fühlte Ich mich hinterher besser. Das Blut zu sehen hat mich aus irgendeinem Grund beruhigt, und die entstandenden Wunden und Narben waren für mich nur eine Kennzeichnung dass Ich weniger wert war und es nicht anders verdient hatte, ähnlich wie Brandmale oder diese Plastikchips an den Ohren bei Tieren.

Irgendwann hat es sich bei mir zu einer Sucht entwickelt. Anfangs habe Ich mich nur geritzt, wenn Ich einen Fehler gemacht hatte, als Strafe. Irgendwann habe Ich angefangen, mir Gründe zu suchen, mich zu ritzen. Die Wunden habe Ich immer mit Verbandszeug verarztet und gehofft, dass es so wenig Leute wie möglich sehen (was sich leider nicht erfüllt hat).

Meine Erzieherinnen im Internat, in dem Ich damals gewohnt habe, haben mich recht schnell überredet, den Psychologischen Dienst aufzusuchen, den die Einrichtung uns zur Verfügung gestellt hat, was mir auch geholfen hat, aus dem selbstschädigenden Verhalten rauszukommen, und waren auch stets für mich da wenn es mir schlecht ging, genauso wie die Erzieher meiner Freunde und der Ausbildungsleiter in der Küche (wofür Ich bis heute sehr dankbar bin).

Mit dem Ritzen habe Ich mittlerweile aufgehört, auch wenn Ich mal mehr und mal weniger rückfallgefährdet bin.

Die Depressionen sind immer noch da. Die Diagnose hab Ich erst vor ca. einem Jahr bekommen, Ich hatte die Einrichtung gewechselt, damit Ich nach der Ausbildung als Beiköchin die Ausbildung als Köchin weitermachen konnte und habe dort wieder den Psychologischen Dienst aufgesucht. Mittlerweile bin Ich wie erwähnt fertig mit der Ausbildung, aber noch nicht austherapiert, weswegen Ich mir einen Psychotherapeuten bei mir in der Nähe gesucht habe. Ich nehme auch Antidepressiva, aber meine Mutter und meine Oma bequatschen mich, Ich soll die Tabletten wieder absetzen, was bei mir aber zusätzlichen Stress verursacht.

Meine Mutter ist zudem in der Ausbildung zur Yoga-Therapeutin und belabert mich, Ich solle gegen meine Depressionen Yoga machen, aber Ich mag Yoga nunmal nicht besonders gern.

Bei mir wechseln sich depressive Phasen, in denen Ich dauernd ruhelos und angespannt oder nur müde und antriebslos bin und manchmal kurz vor einem Heulkrampf stehe, mit Phasen ab in denen Ich mich auch über längere Zeiträume glücklich fühle und es mir eigentlich relativ gut geht. Ich kann auch während der depressiven Phasen lachen, aber es fällt mir enorm schwer.

Als Köchin habe Ich einen ziemlich stressigen Job, der mir aber durchaus große Freude bereitet. Vergrößert wird der Stress durch meine Behinderung, da Ich einfach langsamer arbeite als andere, oft Fragen stellen muss, weil Ich Schwierigkeiten habe, mir Dinge auf Anhieb zu merken und alles, was Ich nicht täglich brauche oder tue schnell vergesse und ein schwaches Selbstbewusstein und Selbstwertgefühl und ständig Angst habe, einen Fehler zu machen.

Mittlerweile sind die Suizidgedanken zurück und Ich verspüre vor allem in stressigen Situationen das Bedürfnis, mich zu ritzen, etwas kapputt zu machen, einfach damit Ich den Druck wieder loswerden kann und das aus meiner Sicht die konsequenzärmste Methode ist. Wenn Ich mich ritze, schade Ich mir nur selbst und muss niemandem Rechenschaft ablegen, und Klingen und Verbandszeug sind billiger, als Spiegel oder Möbel ersetzen zu müssen (auch wenn Ich die wegen meiner Unsportlichkeit wohl kaum kapputt bekäme, was mich aber seltsamerweise nur noch mehr frustrieren würde). Ich habe auch schon überlegt, als Stressabbau mit Boxen oder Gewichtheben anzufangen, aber da Ich eher unsportlich bin, würde es lange dauern, bis sich die gewünschten Erfolge einstellen und Ich würde vermutlich aus Frust und Enttäuschung über mich selbst aufgeben.

Des weiteren habe Ich zur Zeit einfach weder die Zeit noch die Energie für Sport, da Ich wenn Ich arbeite ohne Überstunden mindestens 14 Stunden am Tag weg bin, da die Züge nur sehr ungünstig fahren und Ich vor und nach der Arbeit jeweils eine Stunde warten muss.

Sobald die Probezeit rum ist, werde Ich aber umziehen, so dass Ich nicht mehr so lange fahren muss.