Schlagwörter

, , , , ,

Dies ist ein Gastartikel der von mir hochgeschätzten @meterhochzwei.

Ich fühle mich zutiefst geehrt dabei zu helfen, dem Internet von M. zu erzählen. Ich hätte ihr gewünscht, dass sie noch viel länger wütend sein kann.


Am Samstag ist meine Kollegin M gestorben. Sie tat es so wie man es häufig in Traueranzeigen liest: Nach langer Krankheit. Friedlich eingeschlafen. In den Monaten ab ihrer Diagnose habe ich sie ein bisschen auf diesem Weg begleitet. Ich habe sie besucht, wenn ihr danach war und wir haben regelmäßig miteinander telefoniert, wenn ihr nicht nach einem persönlichen Gespräch war.

Ich kenne M seit fast 5 Jahren. Wir begegneten uns zum ersten Mal an einem kalten Herbsttag. Ich war ganz neu im Unternehmen und trug einen Wintermantel, bei dem ich mir hinten den Saum kaputtgetreten hatte und darunter ein „Ich weiß noch nicht, was man in dieser Firma so trägt“-Kostüm, womit sie mich noch Jahre später genüsslich aufgezogen hat. Sie begrüßte mich freundlich, aber zurückhaltend und musterte mich dabei ziemlich ungeniert.

Im Laufe der Zeit hatten wir regelmäßig miteinander zu tun und es ergab sich schnell, dass M und ich aktuelle Aufgaben in Ruhe bei einer Tasse Kaffee in der Raucherküche besprachen. Und wie es nun mal so ist, wenn man sich sympathisch findet und sich wohl miteinander fühlt, entwickelte wir einen Draht zueinander, der auch zunehmend private Themen beinhaltete.

M war immer energiegeladen, ein zupackender Mensch. Wenn etwas zu tun war, konnte sie sich ausgiebig ärgern, dass sich kein anderer darum kümmerte, nahm die Dinge aber noch während einer Schimpftirade selbst in die Hand. Alles, was sie machte, war klar, schnörkellos und geradeheraus. Bei M konnte sich jeder sicher sein, dass sie sagte, was sie dachte. Sie war kein Mensch, der schmeichelte, taktierte oder gar log. M war immer M – im Guten wie im Schlechten.

Meine Tätigkeit im Marketing beäugte sie zunächst zurückhaltend, befand es nach einer Weile für überwiegend sinnvoll und war bei allen Ideen für ihren Bereich mit dabei und für alle Schandtaten offline wie online zu haben. Ich werde nie vergessen, wie wir ein Foto von M für einen Bericht in hauseigenen Magazin brauchten. Erst kam eine externe Fotografin, die dann unverrichteter Dinge wieder abzog, weil M auf jedem Foto komisch guckte. Dann durfte ich es versuchen. Wir machten 120 Fotos und in ihrem Elend, nicht wirklich fotografiert werden zu wollen, zog sie so ziemlich jede Grimasse, die ihr Gesicht so hergab. Ich mochte Fotos von ihr immer sehr und habe nie verstanden, wieso sie sich selbst so unfotogen fand. Man sah auf den Bildern den Schalk, der ihr im Nacken saß und ihren offenen, leicht angriffslustigen Blick, bei dem der kritische Geist durchblitzte.

Mit PCs und Internet konnte sie sich nie anfreunden. Wir haben zusammen unzählige Excel- und Word-Vorlagen erstellt, die wir für sie früher oder später dann wiederherstellen mussten und es war bis zum Schluss ein großes Abenteuer, wenn M eine Mail mit einem Anhang verschicken sollte. Das Internet war ihr nie so ganz geheuer, sie ließ sich aber geduldig erklären, was es mit Instagram, Twitter und Co. so auf sich hatte und fand es sehr praktisch, dass sie bei Google bei Bedarf nach Informationen suchen (lassen) konnte. Als ich ihr erzählte, was ich im Internet auch privat so alles mache und dass ich damals sogar meinen Mann dort gefunden habe, war sie wochenlang fasziniert und erzählte mir von da an regelmäßig, was ich meinem Internet erzählen könnte.

2017 veränderte M sich. Sie war oft müde, hustete, sah blass und müde aus und nahm ab. Sie schob es auf ihre Schilddrüse, die laut Hausärztin einfach nicht zu bändigen war, aber man merkte ihr zunehmend an, dass ihr Gesundheitszustand sie beunruhigte. Vor 10 Jahren hatte man bei ihr Brustkrebs diagnostiziert und sie schilderte mir unaufgefordert und in schillernden Farben die OP, die Chemo, ihre ausgefallenen Haare und den Besuch im Perückenstudio. Mich überforderte diese brutale, manchmal drängende Offenheit zunächst, aber ich ließ mich darauf ein. Es machte mir Angst, weil ich irrationalerweise nicht einmal in einem Gespräch mit dieser Krankheit konfrontiert werden wollte. Es war wie Pfeifen im Dunkeln, um böse Geister zu vertreiben. Aber ich hätte es als vollkommen armselig empfunden, mich dem zu verschließen und es tat ihr sichtbar gut, mir von alldem zu erzählen. Gegen Ende des Jahres, sie war mittlerweile beim Rheumatologen, beim Internisten, beim Endokrinologen und beim Gastroenterologen gewesen, sagte sie mir zum ersten Mal, dass sie Angst vor einem Rezidiv habe. Ich hörte mir ihre Sorgen an, ermutigte sie dazu, der Ursache für ihren gesundheitlichen Zustand weiter auf den Grund zu gehen und dachte mir mit ihr gemeinsam viele, teils exotische Diagnosen aus. Krebs kam als Option schlichtweg nicht in Frage.

Aber es kam anders.

Wir verloren uns im vorweihnachtlichen Trubel etwas aus den Augen, aber irgendwann vor Weihnachten eröffnete sie mir, dass man bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert habe. Sie war gefasst, kampfeslustig, geradezu wütend. Sie war erleichtert, dass der Grund nun gefunden worden war. Das Husten, die Atemnot, die Müdigkeit, die schlechten Blutwerte. Als erstes hörte sie auf zu rauchen. Dann begann sie zu schimpfen und sollte damit lange nicht aufhören. Sie erinnerte mich an einen wilden Krieger, der kurz vor der Schlacht mit seinen Kampfgenossen ein durch Mark und Bein ziehendes Kriegsgeheul anstimmt, um dann gnadenlos unzählige Gegner niederzumetzeln.

Sie hatte ihren ersten Termin beim Onkologen und brachte zwei Botschaften mit:

  1. Der Onkologe war ein schicker Mann, was auch an der etwas zu eng sitzenden Hose lag. Und er war sicher, dass man den Tumor nach der Chemo doch rausoperieren könne.
  2. Die erste Chemo sollte erst 5 Wochen später beginnen (was ich bis heute nicht verstehe).

Also arbeitete M erstmal weiter, schimpfte, redete mit allen Kolleginnen und Kollegen und erklärte mir, sie wolle, dass alle wissen, was los ist (was sich im Nachhinein als Fehler erwies, aber das ist eine andere Geschichte). Damals fiel zum ersten Mal der Satz „Ich möchte, dass du deinem Internet alles erzählst! Aber erst, wenn ich mit dem Arsch hier fertig bin!“

Ich lernte in den kommenden Wochen und Monaten einen Menschen kennen, der einerseits sehr angriffslustig und stur war, es andererseits aber nicht ertrug, zu genau informiert zu sein. Anfangs fragte ich, ob sie den Onkologen dieses oder jenes gefragt habe, was er hierzu sagt oder ob er dazu eine Meinung habe. Sie verneinte jedes Mal. „Ich habe den Ärzten gesagt, dass ich es nicht so genau wissen will, auch nicht die Prognose.“

Am 25. Januar bekam sie ihre erste palliative Chemo, begleitend sollte es Bestrahlungen geben. Sie sinnierte, was das Wort „palliativ“ bedeutet, ohne konkret zu fragen und ich schäme mich bis heute, dass ich an der Stelle nicht den Mut hatte, es ihr zu erklären. M war sicher, dass sie das Arschloch besiegen würde und schickte mir geradezu blutrünstige SMS von ihrem uralten Nokia-Telefon.

Die Zeit der Chemo und der Bestrahlungen war keine gute Zeit für M. Angefangen bei einem allergischen Schock bis hin zu einem mühevoll gelegten Zugang, der dazu führte, dass ihre Lunge kollabierte. Sie war müde und sie war wütend – 28 Chemos und 36 Bestrahlungen lang. Der Onkologe mit der zu engen Hose war für sie nicht mehr zu sprechen, er wickelte alles über die Sprechstundenhilfen ab. Die Strahlenärztin hingegen war sehr empathisch und sehr zuversichtlich, dass der Tumor, der noch nicht gestreut hatte, verkleinert werden könne.

M hielt mich immer auf dem Laufenden, unsere Telefonate und SMS waren wie ein roter Faden, der sich durch diese Zeit zog. M hatte zunehmend Beschwerden. Der Rücken war verbrannt und sie hatte ein so schlimmes Brennen im Hals, dass sie nur noch kleine Mengen in mehreren Etappen essen konnte. Sie glühte förmlich, wenn man sie in den Arm nahm. Der Onkologe verschrieb ihr, natürlich ohne ein persönliches Gespräch, ein Pulver gegen Sodbrennen und ließ ausrichten, man könne nichts dagegen tun. Und dass die Novalgin-Tropfen nicht helfen, sei bedauerlich, aber da könne man nichts tun.

Ich erklärte M immer wieder, dass das nicht sein könne und dass sie auf einen Termin bestehen solle, notfalls über ihre Hausärztin oder bei einem anderen Onkologen. Ich bot ihr an, sie zum Onkologen zu begleiten, aber sie wiegelte ab. Sie wollte mit dem Mann „keinen Ärger haben“ und sie werde bei nächster Gelegenheit ihre Schwester mitnehmen.

M litt, der Onkologe war weiterhin ein Mythos am fernen Horizont, ich war immer wieder fassungslos, wie unkoordiniert die gesamte Vorgehendweise auf mich wirkte und dann kam der Tag der nächsten bildgebenden Untersuchung. Die Strahlenärztin hatte sich vorab zu der Aussage verstiegen, dass der Tumor kleiner geworden sei. Der Radiologe erklärte M direkt nach der Untersuchung unaufgefordert, dass der Tumor nicht nur gleichgeblieben sei, sondern auch seine Position verändert habe. Kurz darauf kam es dann wieder zu einem Gespräch bei dem Mann mit der zu engen weißen Hose, der sie für die Weiterbehandlung in ein Krankenhaus ganz in ihrer Nähe überwies.

Die Gespräche mit M veränderten sich. Sie hatte immer weniger Elan, sich über die Krankenkasse und die Ärzte zu ärgern. Sie hatte keine Kraft mehr, sich gegen die Einleitung der Erwerbsunfähigkeitsrente zu wehren. Sie sprach oft über ihren Vater, der in ihrem Alter gestorben war, ebenfalls an Lungenkrebs, und über ihren unbedingten Wunsch, älter zu werden als er. Mindestens den Rentenbeginn wollte sie noch erleben, um nicht nur ein Leben lang gearbeitet zu haben. Es waren schmerzhafte Gespräche, einerseits erleichternd, weil sie nun nicht mehr so tat, als ob sie noch weitere 20 Jahre leben würde, andererseits sehr bedrückend. Immerhin lästerte sie noch über die behandelnden Ärzte und wollte genau wissen, was in der Firma so los war. Sie wurde immer grauer und kleiner und kämpfte bei jeder Chemo darum, noch 1-2 Tage im Krankenhaus bleiben zu dürfen, um nicht alleine Zuhause sein zu müssen. Sie kommandierte die Schwestern, war frech zu den Ärzten und maßregelte ihre Zimmergenossinnen. Sie wurde immer mehr zu Claudia Jacoby aus dem Buch „Zwei Frauen“.

Im Juni wünschte sie sich von mir als Mitbringsel Kirschen und einen ganz bestimmten Heringssalat. „Das will ich so gerne nochmal schmecken, solange ich noch schlucken kann!“. Sie hat beides nicht mehr gegessen, weil sie unsere Verabredung dreimal kurz vorher absagte und danach solche Dinge nicht mehr essen konnte.

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. M konnte nicht mehr schlucken und hatte schlimme Krämpfe. Sie spuckte und hustete und rang nach Luft.

„Erzähl das deinem Internet. Alles! Und guck immer, dass du aufpasst, was die im Krankenhaus mit dir machen. Die bringen dauernd alles durcheinander und die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut!“

„Ich komme dich morgen besuchen.“
„Nee, geh weg, ich seh‘ kacke aus. Das willst du nicht sehen!“
„Ist mir egal, ich komme.“

Am Donnerstag habe ich sie zum letzten Mal gesehen. Die Ärzte hatten ihr eröffnet, dass sie es nun mit einer Immunzellentherapie versuchen wollten. „Guck mal nach, was das ist. Das musst du mir dann erklären. Du bist doch meine Frau Doktor.“

Wir sind langsam über den Flur gelaufen, um an einem der großen Fenster einen Blick über die Stadt zu werfen und vielleicht einen kühlen Luftzug zu erhaschen. „Holst du mir eine Cola? Ich hab‘ seit Tagen so Lust auf Cola.“ Sie setzte sich hin und trank genüsslich. Nach 10 Minuten wollte sie zurück in ihr Zimmer. Ich habe sie umarmt und sie war so klein und weich und warm, völlig benebelt von ihren Schmerzmitteln und es war, als ob alle Farbe aus ihrem Körper gewichen wäre.

„Soll ich dich zudecken?“
„Ja, mach mal. Aber nicht die Füße. Nur den Rest. Und dann drück mich nochmal.“
„Ich hab‘ dich lieb!“
„Ich dich auch! Es war so schön, dass du da warst.“