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Der heute Gastartikel ist von Stefan.
Ich bin froh, dass ich wieder einen Artikel von einem Mann veröffentlichen kann; das hat viele Gründe, zum Einen fällt es Männern oft schwerer, über ihre Gefühle zu reden und auch, dazu öffentlich zu stehen. Ich finde aber, dass auch und gerade Männer es sind, die durch ihr Öffnen dazu beitragen können, dass Krankheit, Emotion und vermeintliche Schwäche zu unserem Leben gehören und dass sie nur etwas ändert, wenn wir #drüberreden.

Stefan hat an das Ende seines Textes ein paar persönliche Worte gerichtet, die mich sehr berührt haben. Ich freue mich für Dich, dass Du mit Deinem Vater am Ende solch gute Gespräche hattest. <3

Danke für Deinen Text und Deine Anstrengung. Ich weiß das sehr zu schätzen.


Meine Geschichte
Für mich begann alles vor etwa 22 Jahren. Ich war damals 14 Jahre alt und wurde damals in der Schule über zwei Jahre lang gemobbt, bis ich in der 9. Klasse kollabiert bin. Neben den Depressionen habe ich auch eine generalisierte Angststörung entwickelt, durch die ich erst bemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Wir fanden einen Neurologen der wusste was los ist und ging dort in Behandlung, die aber größtenteils nur aus Tabletten und lockeren Gesprächen bestand.

Es ging lange gut. Aber als ich 2009 zum ersten Mal Vater geworden bin, brach ich wieder zusammen. Dank guten Zuredens meiner Frau und meiner Schwiegermutter konnte ich mich auf eine psychotherapeutische Behandlung einlassen (als Kind hatte ich mich geweigert) und so folgten in der Zeit von 2010 bis 2014 eine ambulante Einzeltherapie, eine ambulante Gruppentherapie, eine vollstationäre Therapie und zwei teilstationäre Therapien.

Erkenntnisse
Für mich war immer klar, dass meine damalige Schulklasse für meine Depressionen verantwortlich ist. Heute ist mir klar, dass der Grundstein schon viel früher gelegt wurde und meine Klasse nur der Katalysator war, der es verstärkte und zum Ausbruch brachte. Den Hass auf meine „Mitschüler“ von damals habe ich immer noch und ich würde den Leuten lieber ins Gesicht treten als sie anzusehen.

Wirklich angefangen hat aber alles viel früher. Mein großer Bruder und mein Vater glichen sich sehr. Sie hatten einen ruhigen Charakter, waren Kämpfernaturen, die im Prinzip nichts umhauen konnte. Und sie teilten das Interesse für Fußball und Autos. Ich kam eher nach meiner Mutter. Ich war quirlig, ständig unter Strom, mit einem sensiblen Charakter und vertiefte mich lieber in fantastische Welten als über Motoren und Vereine zu diskutieren. Da die beiden mehr gemeinsam hatten, kamen sie auch besser miteinander aus. Zumindest aus meiner Sicht. Und so wuchs in mir langsam aber sicher das Gefühl, dass mein Vater meinen großen Bruder vorziehen und ihn mehr lieben würde als mich. Also habe ich versucht mich anzupassen, indem ich mich gezwungen habe ruhiger zu werden und mich auch für Fußball und Autos zu interessieren. Und dieses Verhalten habe ich beibehalten, beinahe mein ganzes Leben lang. In der Realschule habe ich es dann perfektioniert und bin sozusagen ein soziales Chamäleon geworden. Ich habe mich der Gruppe angepasst, in jedem Detail. Aber zum einen hat es mir nicht geholfen und zum anderen habe ich mich dadurch selbst verloren und 15 Jahre lang völlig an mir vorbei gelebt.

In den Therapien habe ich angefangen mich wieder kennen zu lernen. Aber das macht es mir nicht unbedingt leichter, denn die Anpassung an mein Umfeld ist wie ein Automatismus in mein Hirn eingebrannt. Ständig muss dagegen ankämpfen und das kostet einfach Kraft. Aber ich weiß immerhin über die Gründe Bescheid und kann an mir arbeiten.

Was die Depression mit mir macht
Dieser ständige Kampf zwischen meinem Selbst und dem Anpassungsautomatismus lässt mich ganz stark an mir selbst zweifeln. Ständig frage ich mich, ob ich dies oder jenes machen darf und kann. Manchmal traue ich mich die Sachen einfach auf meine Art und Weise zu machen und es geht gut. Dann bin ich stolz und freue mich. Viel häufiger sind aber die Situationen, in denen es anders läuft. Ich traue mich gar nicht erst und beuge mich den scheinbaren Erwartungen der Anderen. Oder ich traue mich und kriege dann ein Feedback aus meiner Umgebung, dass wieder alles zerstört. Das muss dann nicht mal eine ernstgemeinte Kritik (ob nun freundlich oder unfreundlich formuliert) sein. Schon ein kleiner, witzig gemeinter Spruch um mich zu necken fühlt sich wie eine Katastrophe an. Das kleine bisschen mühsam zusammengekratztes Selbstvertrauen wird weggeschwemmt durch eine Woge aus Selbstzweifeln und Selbsthass. Wenn mein kleiner Bruder mal wieder über meinen favorisierten Fußballverein herzieht (das Interesse ist mittlerweile echt), dann fühlt es sich so an, als würde er das auch gegen mich richten. Ich denke dann, dass ich mir lieber einen anderen Verein aussuchen sollte, vielleicht sogar seinen favorisierten Verein, weil der ja erfolgreicher spielt und somit die bessere Wahl gewesen wäre. Als meine Schwägerin mir neulich sagte, ich solle mal wieder zum Friseur gehen, da mir Kurzhaarfrisuren besser stehen als längere Haare, habe ich nicht über meine Frisur nachgedacht, sondern darüber, dass ich so wie ich bin ja eh nicht akzeptiert werde und scheinbar komplett falsch und inakzeptabel bin. Und das geht immer so weiter. Das Ganze führt dann häufig zum bereits erwähnten Selbsthass. Ich denke dann, dass ich grundlegend falsch bin, ständig die falschen Entscheidungen treffe, dass ich mich nicht entfalten darf und nicht erwünscht bin. Warum sollte ich mich da draußen so zeigen wie ich wirklich bin, wenn sich sowieso alle darüber lustig machen oder mich kritisieren? Warum sollte ich überhaupt noch etwas sagen, wenn mir eh immer alle ins Wort fallen?

Gefühlsarm habe ich mich in der ganzen Zeit nicht gefühlt. Durch meinen sensiblen Charakter, hochsensibel wie ich mittlerweile weiß, habe ich eine Menge Emotionen erlebt. Und wenn ich meine Depressionen beschreiben soll, dann würde ich sie als eine alles umfassende, sehr starke Trauer beschreiben, die durchzogen ist von Gefühlen der Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Gerade in der Anfangszeit habe ich sehr viel geweint und auch heute habe ich im Inneren das Bedürfnis zu weinen. Aber da ich meine Emotionen auch sehr lange (leider erfolgreich) versucht habe zu unterdrücken, hat sich auch hier eine Art Automatismus gebildet, der es nicht zulassen will einfach mal zusammen zu sacken und haltlos zu weinen. Das gelingt mir nur sehr selten.

Wie es aktuell weiter geht, weiß ich nicht. Meinen Beruf kann ich nicht mehr ausüben, der Druck ist mir zu groß und ich weiß nicht was ich in Zukunft machen soll. Wozu ich die Kraft haben werde. Aber zu Hause sitzen will ich auch nicht. Ich stehe auf der Warteliste für meine nächste Therapie, ich hoffe das dauert nicht zu lange…!

Ein paar persönliche Worte
In den ganzen Jahren ist sehr viel passiert und ich denke die relevanten Dinge konnte ich in diesem Artikel zusammenfassen. Aber zwei Dinge sind mir wichtig. Zum einen empfinde ich tiefe und ehrliche Dankbarkeit für meine Frau und meine Schwiegermutter, die mir erst ermöglicht haben diesen Weg zu gehen, der zwar durchaus sehr steinig aber dennoch der richtige für mein Leben ist. Zum anderen möchte ich meinem Vater danken, der im September 2017 leider verstorben ist. In der Zeit zwischen meiner letzten Therapie und seinem Tod, haben wir uns intensiv über meine Eindrücke und Gefühle aus meiner Kindheit unterhalten können und ich habe gefühlt, dass er mich genau so sehr liebt wie meine Brüder. Er gab mir alle Freiheiten mich zu entfalten und ich zu sein, auch wenn ich das nicht immer gesehen habe, und mit diesem Gedanken möchte ich meine Zukunft gestalten.